Französische Revolution am Himmel
Air France-Radikalkur – Vorbild für AUA?
Während Österreich gebannt auf Sparpaket und AUA-Restrukturierung blickt, vollzieht sich auf Frankreichs Airline-Himmel eine Revolution, die ihresgleichen sucht. Air France schickt dazu 30 Flugzeuge ins Rennen, stellt an die 100 neue Flüge (in Summe 1.200) pro Woche ins Netz und will damit die in Marseille, Nizza, Toulouse verloren gegangene Vorherrschaft zurückgewinnen. Auch Wien profitiert davon und erhält mit 1. April vier wöchentliche Direktflüge nach Toulouse. Dort und in den anderen drei Metropolen (plus Bordeaux) hatte sich Air France zuletzt nur noch auf Inlandsdienste bzw. Zubringer nach Paris und Lyon beschränkt. Die Folge war ein massives Vordringen der Low Cost Carrier, deren Anteil an den Provinzflughäfen schon 29 Prozent erreicht. Die Offensive hat noch einen zweiten Hintergrund: Sanierung der schwer defizitären Kurz- und Mittelstrecke von Air France-KLM. Der operative Verlust in diesem Segment erreichte 2011 rund 700 Mio. Euro.
Im Vorjahr gelang es AF/KL nur knapp, diese Verluste durch Gewinne auf der zunehmend unter Druck stehenden Langstrecke zu kompensieren. Zwar werden die Zahlen für das Rumpfgeschäftsjahr 2011 (April bis Dezember, Umstellung auf Kalenderjahr) erst am 8. März publiziert, doch zwischen April und September 2011 hatte sich nach einem erfreulichen Turnaround 2010/2011 (Umsatz plus 12,7 Prozent auf 23,662 Mrd. Euro, operatives Ergebnis plus 886 Mio. Euro) die Lage wieder eingetrübt. Statt einem operativen Gewinn von 444 Mio. Euro, wie in der Vergleichsperiode 2010, standen unter dem Strich 252 Mio. Euro. Für das letzte Jahresviertel rechnete AF/KL-Verwaltungsratschef Jean-Cyril Spinetta sogar mit einem negativen operativen Ergebnis. Für das Rumpfgeschäftsjahr sollte es trotzdem mit 25 Mio. Euro knapp positiv geblieben sein.
Um das Steuer herum zu reißen, wurde im Jänner von CEO Pierre-Henri Gourgeon ein 800 Mio. Euro schwerer Drei-Jahresplan präsentiert. Das Gruppenwachstum wird bis 2014 kumulativ auf 5 Prozent eingebremst, die Investitionen auf 5 Mrd. reduziert (letzte drei Jahre 6 Mrd. Euro), die Netto-Verschuldung soll bis 2014 um 2 auf 4,5 Mrd. Euro verringert, gleichzeitig die Produktivität signifikant erhöht werden. Gourgeons will damit bis 2014 auf der Kurz- und Mittelstrecke den Break-Even erreichen.
Die Offensive in der französischen Provinz spielt dabei eine wichtige Rolle. Der erste Schritt dazu wurde im Oktober 2011 in Marseille umgesetzt, jetzt folgen Nizza und Toulouse. An allen drei Airports werden zu diesem Zweck je zehn Airbus-Jets der A319/320/321-Serie mit 142 bis 178 Sitzen stationiert. Ab Ende März werden aus diesen Städten von Air France 1.200 wöchentliche Flüge angeboten (zum Vergleich: Air France offeriert derzeit insgesamt rund 9.930 Flüge pro Woche).
Angeboten werden diese zu Kampfpreisen mit für AF neuen Oneway-Tarifen (Wien - Toulouse ab 49 Euro). Dafür war es notwendig, die Kosten deutlich zu senken. Dies geschah laut Area Manager Guido Hackl in Form mehrerer Maßnahmen. So sind die in den drei Städten stationierten Jets jetzt 11:30 Stunden in der Luft, statt bisher 08:15 (kürzere Turnarounds von 30 bis 35 Minuten, frühere Morgen- und spätere Abendflüge), es wird ausschließlich mit Crews von vor Ort gearbeitet (650 FlugbegleiterInnen sowie 350 Piloten) und diese sind länger im Einsatz als bisher, bei mehr Freizeit (Kabine 650 Jahresstunden an 120 Tagen, Piloten 715 Jahresstunden an 130 Tagen). Laut Hackl sinken die Kosten pro Flugstunde so um 15 bis 20 Prozent. Dies als Orientierungshilfe für die AUA.
AF wird das Sitzplatzangebot in den französischen Regionen um 30 Prozent steigern, 50 neue Routen werden aus diesem Städte-Trio angeboten, mit Focus auf das Leisure-Segment. Auf den bestehenden Inlandsrouten (inklusive Paris-Orly-Shuttle – 77 tägliche Flüge, jährlich 5 Millionen Passagiere – sowie Flügen nach Paris CDG und zum Hub in Lyon) wird die Sitzkapazität um bis zu 80 Prozent erhöht.
In Marseille (künftig 499 wöchentliche AF-Flüge zu 33 Destinationen) kommen am 25. März drei weitere Ziele dazu. Hier matcht sich Air France vor allem mit Ryanair, die Marseille (Low Cost Anteil zuletzt 23,1 %) trotz Auflassung der dortigen Basis im Vorjahr mit rund 30 Zielen verbindet (Ryanair bedient in Frankreich insgesamt 27 Städte). Air France hielt zwar noch bei 31,4 Prozent Anteil, doch dies ausschließlich durch zwölf Inlands-Ziele. Sie rechnet damit, ihre MRS-Passagierzahlen von 2,38 Millionen in 2010 auf heuer knapp 3,7 Millionen zu steigern. Die ersten Monate waren laut Pierre-Henri Gourgeon vielversprechend.
Toulouse wird von 12 auf 26 Ziele mit rund 400 Frequenzen pro Woche aufgestockt (u.a. viermal pro Woche Wien, 24.000 Sitze pro Monat, 30 Prozent des Aufkommens sollen in Österreich generiert werden). Nizza erhält sechs neue Flugverbindungen, wodurch das dortige AF-Angebot auf 22 Destinationen und 330 Flüge pro Woche steigt. In diesen beiden Städten wird es einen beinharten Kampf mit Easyjet geben, die ab Sommer in NCE und TLS je zwei Airbus A319 stationiert, womit die Zahl der Easyjet-Basen in Frankreich auf fünf steigt (Paris CDG und Orly sowie Lyon), mit 24 Jets und künftig 37 Europa-Routen (derzeit 27). Mit 12 Mio. Passagieren 2011 ist Easyjet die Nummer 2 von/nach Frankreich.


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