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Parallelwelten

Ältere unter den Touristikern werden sich noch daran erinnern. Wenn damals, in den Siebzigern oder Achtzigern, die Arbeitslosigkeit in Deutschland um einen Prozentpunkt hinaufging, war im ganzen Land der Teufel los. Panisch wurden Sondersitzungen einberufen, Hilfspakete geschnürt und letzte Reserven für außertourliche Werbekampagnen zusammen gekratzt. Heute, mehrere größere und kleinere Finanzkrisen danach, stellt sich ein ganz anderes Bild dar. Der Tourismus erweist sich scheinbar als eine Art Parallelwelt, losgelöst vom allgemeinen wirtschaftlichen Umfeld. Jüngstes Beispiel dazu: Die glänzende Bilanz des Tourismus in Wien mit dem bisher besten Jahresergebnis überhaupt. Da glänzt Spanien, ein Land mit einer der höchsten Arbeitslosigkeitsraten in Europa und einem schweren Schuldenrucksack am Buckel, mit einem Nächtigungszuwachs um 17 (!) Prozent ; auch Italien, das mit ähnlichen Problemen kämpft, trägt immerhin ein Plus von 5 Prozent bei. Das werden vermutlich nicht nur Steuerflüchtlinge sein, die ihr weißes oder schwarzes Geld noch schnell im Ausland ausgeben, bevor sie es bei den unbarmherzigen Finanzschergen des Herrn Professor Monti abliefern müssen.

Die Gründe für diese touristische Sonderentwicklung können derzeit nicht einmal geahnt werden. Sie wären allerdings einer gründlichen wissenschaftlichen Befassung wert. Diese würde unter Umständen manches von dem, was wir bislang im Tourismusmarketing als völlig sicheren Zusammenhang zwischen Einkommensentwicklung und persönlichen Erwartungen möglicher Gäste einerseits und ihrem touristischen Konsumverhalten andererseits voraus gesetzt haben, völlig auf den Kopf stellen. Doppelt schade, dass dafür das Tourismusinstitut auf der WU in Wien nicht mehr zur Verfügung steht. Es wurde gerade sang- und klanglos entsorgt. Doch vielleicht findet sich im Tourismusweltmeisterland ein anderes universitäres Forschungsinstitut, das sich der Sache annimmt. Ansonst müsste der Auftrag nach Deutschland oder die Schweiz ausgelagert werden. Mit der letzteren wäre sogar ein besonderer Deal möglich: Sie liefert uns die Analyse und wir stellen beim nächsten Event à la Weltwirtschaftsforum St. Gallen wieder unsere Eurofighter zur Luftraumüberwachung ab. Im globalen Wettstreit muss jedes Land eben mit seinen wahren Stärken punkten.

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