• 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
Prev Next

Abschalten

Wenn dieser Tage ringsum friedvolle Weihnachten gewünscht werden, ist das entweder tiefernst gemeint oder schon leicht zynisch. Wohin das Auge blickt droht Ungemach – Eurokrise, löchrige Rettungsschirme, Zaudern statt Entschlossenheit bei den Entscheidern, Rückzug in geistige Schrebergärten statt Öffnung zu neuen, großräumigen Denkansätzen. Da bieten sich Abschalten und Tapetenwechsel, um alles zumindest für eine Woche hinter sich zu lassen, als Rezept gegen die aufkeimende Depression an. Etwas, wovon die Reisebranche bis dato immer gut gelebt hat. Doch auch die hat gehörige Sorgen. Wird sich 2009 demnächst wiederholen? Unter Umständen noch stärker als damals und mit der beunruhigenden Aussicht, dass sich in den nächsten zehn Jahren daran nichts ändert? Wo zwar gereist wird, aber eben nur sparsam, weil die steigenden Kosten für das tägliche Leben immer weniger Geld für das Schöne, indes nicht unbedingt Notwendige, übriglassen? Kann Österreich wiederum darauf hoffen, durch Inlands- und Nachbarschaftstourismus Ausfälle aus anderen Herkunftsmärkten wettzumachen? Die aber trotzdem nicht vernachlässigt werden dürfen, weil es genau dort auch in der nächsten Zeit Menschen geben wird, die sich einen Österreichurlaub oder eine Europareise locker leisten können.

In einer solchen Situation und gut in die Jahreszeit passend kann ein Blick ganz weit weg von Nächtigungsziffern und Umsatzkurven manchmal doch sehr trostvoll sein. Wie auf das Projekt “Steirische Literaturpfade des Mittelalters“. Hier will die Universität Graz zusammen mit acht steirischen Gemeinden Wanderwege schaffen, die über mehrere Erzählstationen zwischen 700 und 900 Jahre alte Texte aus der Region zusammen mit Erläuterungen und Kommentaren präsentieren. Gar nicht mittelalterlich ist dabei die Möglichkeit, über das Handy Leseproben und Musikstücke abzurufen. Angesprochen sollen damit Schüler, Einheimische und Gäste werden, die sich von der einmaligen Verbindung aus Natur und alter Literatur angezogen fühlen. Nicht unbedingt ein Programm, das die Massen bewegen wird, aber denjenigen neue Einsichten vermitteln kann, die sich auf dieses seltsam anmutende Abenteuer einlassen. Seltsam freilich nur beim ersten Hinschauen. Denn, so der Erfinder der Idee, der Germanist und Mittelalter-Experte Wernfried Hofmeister von der Universität Graz: Die Grundbedürfnisse der Menschen haben sich über die Jahrhunderte kaum verändert – Gesundheit, Freiheit, Religion und vor allem Liebe.
Womit wir fast schon mitten in einer Weihnachtsgeschichte sind.

Add comment

Diskutieren Sie mit auf TAI.at! Bitte halten Sie die Netiquette ein und diskutieren Sie sachlich und respektvoll.

Wenn Sie als Benutzer auf TAI.at registriert sind, werden Ihre Kommentare automatisch und umgehend freigeschalten. Kommentare nicht registrierter Benutzer werden vor Erscheinen geprüft.

Wir behalten uns vor, Postings mit Werbung, Spam, Verunglimpfungen, Beleidigungen, etc. zu löschen.

Security code
Refresh

Suche auf TAI.AT