Unsichtbare Kräfte
Was er damals noch nicht ahnen konnte: Wettbewerb im 21. Jahrhundert heißt nicht immer, zu günstigeren Kosten als die Marktpartner zu produzieren und den Kostenvorteil an die Kundschaft weiterzugeben. Wesentlich unanstrengender ist es, die Konkurrenz dazu zu bringen, einfach die Preise zu erhöhen. Womit es dann nur mehr einem Teil der Wirtschaft – den Anbietern – gut geht, den Käufern andererseits eher weniger. So richtig live mitzuverfolgen ist das alles derzeit bei der Bahn. Unter dem Banner der freien Marktwirtschaft ist der neue Betreiber WESTbahn angetreten, um es den ÖBB einmal so richtig zu zeigen. Mit tollen Leistungen zu tollen Preisen, die unsere Staatsbahn das Fürchten lehren sollen. Diese hat mit unerwarteter Flexibilität reagiert und vorsorglich gleich einmal Kampftarife unter dem Titel “Sparschiene“ mit großem Erfolg auf den Markt geworfen. Die Antwort seitens der WESTbahn würde Adam Smith im Grab rotieren lassen: Die ÖBB sollen doch bitte gefälligst ihre Preise erhöhen. Weil es sich bei ihnen um ein staatliches Unternehmen handle, dessen Preispolitik durch Subventionen des Bundes wettbewerbsverzerrend sei. Geflissentlich wird bei dieser Argumentation weggeblendet, dass an der neuen WESTbahn die französische SNCF zu 26% beteiligt ist. Ein voll verstaatlichtes Unternehmen, das sich über zu geringe Subventionen seitens seines Eigentümers auch nicht wirklich beschweren kann.
Das aus dem Staunen nicht herauskommende Bahnpublikum kann sich aber weiterhin auf eines verlassen: die geradezu magische Wirksamkeit der unsichtbaren Hand des Marktes. Denn eben erst hat die WESTbahn eine weitere Tarifsenkung für den ab 11. Dezember beginnenden Betrieb bekannt gegeben: 7.500 Tickets zu 7,50 Euro pro Einzelfahrt. Wenn das so weitergeht, wird Bahnfahren zwischen Wien und Salzburg bald billiger als ein Straßenbahnfahrschein. Und die Zahl subventionsheischender Verkehrsbetriebe wieder um einen mehr. Für staatliches Geld die Hand aufzuhalten gilt hierzulande jedoch keineswegs als Schande, im Gegenteil: Subventioniert zu werden ist in Österreich nach wie vor die höchste Form gesellschaftlicher Anerkennung.


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