Kahlschlag oder Aufbruch? „Gästebuhler“ formieren sich 2011 neu
Die Folgen des WKO-Austritts
Man muss dem Präsidenten der WKÖ (Wirtschaftskammer Österreich), Christoph Leitl, dankbar sein: Mit dem angekündigten Austritt der Kammer aus dem Verein Österreich Werbung (ÖW) per 2012 hat er eine Diskussion losgetreten, die längst überfällig war. Dabei geht es nicht um die 8 Kammer-Millionen für die ÖW, sondern um Grundsätzliches, allen voran um die zeitgemäße und zukunftsweisende Aufgabenstrukturierung im Österreich Tourismus. Den Auftakt dazu bildet ab kommenden Montag der Kongress der ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung) in Mayrhofen, zu dessen Eröffnung ein Buch präsentiert wird, das zum Bestseller des Jahres in Österreichs Tourismus werden dürfte: „Die Gästebuhler – wie Österreichs Tourismusorganisationen ticken“.
Karl Seitlinger, der frühere langjährige Direktor des WienTourismus, beleuchtet in dem im T.A.I.-Verlag erschienenen Buch die Arbeitsweisen der Tourismusorganisationen am Beispiel Tirol Werbung, WienTourismus sowie Österreich Werbung und spart dabei nicht mit Kritik an „Anschaffern“ und „Durchführern“. Wichtigste Schlussfolgerung: eine ÖW ohne Bundesländer ist wie Würstel ohne Senf.
Bekannter Maßen sind die Bundesländer 2001 aus der ÖW hinausgeschmissen worden (Seitlinger war Zeitzeuge). Unter dem daraus resultierenden finanziellen Aderlass leidet die ÖW bis heute (Seitlinger beziffert den Verlust auf 5 bis 6 Mio. Euro). Bund und Kammer haben zudem seit Jahren ihre Mitgliedsbeiträge bei 30 Mio. Euro (24 Mio. davon Bund) eingefroren. Der dadurch eingetretene Kaufkraftverlust ist hinlänglich bekannt. Nimmt man 1996 als Basis, müsste die ÖW nicht mit 30, sondern mit 50 Mio. Euro dotiert werden (plus die 20 Mio. durch Verkauf von Dienstleistungen).
Damit nicht genug: inklusive Länder standen der ÖW 1996 über 42 Mio. Euro zur Verfügung. Nach heutigem Geldwert entspräche dies 70 Mio. Euro!
Hintergrund des jetzigen Streits um den ÖW-Austritt der Kammer ist ein Kräftemessen zwischen Wirtschaftminister Reinhold Mitterlehner auf der einen, Kammer-Präsident Leitl und Sparten-Geschäftsführer Rainer Ribing auf der anderen Seite. Wobei die Emotionen recht hoch gehen, wie der APA-Tourismus-Blog (www.tp-blog.at) zeigt.
Zwar ruderte die Kammer zuletzt zurück, doch mehr und mehr setzt sich im Tourismus der Wunsch durch, dass der Bund zu 100 Prozent den Verein übernehmen soll (die 8 Mio. der Kammer werden dann durch 8 Mio. aus der Exportförderung ersetzt). Darüber hinaus soll die Kooperation der „Allianz der 10“ (ÖW plus neun LTOs) gestärkt und um Top-Destinationen erweitert werden, vom Zillertal und Ötztal über das Salzkammergut bis zur Arge Donau und Arge Städte.
Auch der Marketing-Beirat der ÖW ist dringend reformbedürftig (neue Aufgaben und neue Zusammensetzung). „Er muss von einer Repräsentanz zur Arbeitsplattform werden“, so ein Insider gegenüber T.A.I.
Generell ist man sich im Tourismus (anders, als in der Kammer) einig, dass die Überführung von ÖW-Büros in die Außenwirtschaftsorganisation (AWO) der WKO eine absolute Katastrophe wäre. Zu unterschiedlich sind die Aufgabenstellungen (ÖW: komplette Marketingkonzepte; AWO: Export, Networking und Lobbying).
An der enormen Bedeutung der ÖW (sie deckt heuer durch ihre Marktbewerbung 95 Prozent aller Österreich-Nächtigungen ab) zweifelt niemand: keine andere Organisation ist in der Lage, das Tourismusland Österreich als Ganzes zu bewerben (Betriebe werben für ihren Betrieb, die Destinationen und Bundesländer werben für ihre Bereiche). T.A.I. wird über die weitere Entwicklung berichten.


Wenn Sie als Benutzer auf TAI.at registriert sind, werden Ihre Kommentare automatisch und umgehend freigeschalten. Kommentare nicht registrierter Benutzer werden vor Erscheinen geprüft.
Wir behalten uns vor, Postings mit Werbung, Spam, Verunglimpfungen, Beleidigungen, etc. zu löschen.