Sales statt Jahrmarkt
Weniger ist mehr im Ö-Verkauf
Es war eine Abschiedsveranstaltung, die da am Wochenbeginn vom 22. bis 24. Jänner in den Hallen C und D der Messe Wien über die Bühne ging: Die actb (austrian and central european travel business) wird es bekanntlich in dieser Form – also mit Teilnahme von Partnerländern aus dem CEE-Raum – nicht mehr geben. Die Zukunft besteht aus den beiden alternierend abgehaltenen Formaten atb_experience (erstmals im Juni 2013 in Kärnten) und der direkten Nachfolgerin der actb, der atb_sales (erstmals 2014, stets in Wien). Ob und wie sich der Verzicht auf die CEE-Aussteller auf die Zusammensetzung der Einkäufer auswirken wird, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Tatsache ist, dass die nach der eher enttäuschenden actb vor zwei Jahren eingeleiteten Maßnahmen ihre Wirkung nicht verfehlen: Die Mehrheit der Aussteller sprach trotz weniger Einkäufern über deutlich bessere Qualität.
Die actb 2012 präsentierte sich gegenüber früher deutlich geschrumpft. Die Anzahl der ausstellenden Unternehmen war mit 422 um ganze 17,7 Prozent niedriger als vor zwei Jahren und lag ein stolzes Viertel (25 Prozent) unter dem Wert von 2009 (damals nahmen 563 Unternehmen an der actb teil). Auch die Zahl der Einkäufer und Medienvertreter ging zurück – durchaus gewollt, wie die Pressesprecherin der Österreich Werbung (ÖW) Ulrike Rauch-Keschmann gegenüber T.A.I. betonte: „Wir legen seit 2010 Wert auf Qualität vor Quantität.“ Heuer erreichte die Zahl der Einkäufer und Journalisten 791, was gegenüber 2010 einem Rückgang um 9,3 Prozent entspricht und im Vergleich mit 2009 einem Minus von 18,2 Prozent. Der Rückgang fiel damit geringer aus, als jener bei den Anbietern.
Zwangsläufig verbessert hat sich dadurch die Relation zwischen Austellern und Einkäufern/Medienvertretern: Kamen 2009 und 2010 auf ein ausstellendes Unternehmen 1,7 Interessenten aus aller Welt, so stieg dieses Verhältnis heuer auf 1:1,9, was in der Realität deutlich verspürt wurde, wie viele Touristiker T.A.I. gegenüber bestätigten.
Deutlich gesunken ist auch die Zahl der vertretenen Nationen. 2009 kamen Einkäufer aus 65 Ländern zur actb nach Wien, 2010 waren es 53 und heuer nur noch 48. Auch das war beabsichtigt. Die frühere Gießkanne ist damit einer gut justierten Düse gewichen. Bekannter Maßen rekrutieren sich 95 Prozent der österreichischen Gäste aus 24 Ländern. Entsprechend positiv war die Bilanz vieler Aussteller. „Wir waren sehr zufrieden“, zog Thomas Lerch, Geschäftsführer des TVB Wildschönau, gegenüber T.A.I. eine Bilanz, und berichtete von guten Kontakten, unter denen „auch einiges Neues“ war. Aufgefallen ist Lerch das starke Interesse aus Spanien, Italien aber auch einigen CEE-Ländern. Lerch über die Zukunft der Veranstaltung: „Wir brauchen die atb, wir haben wirklich Folgegeschäfte von dieser Messe.“ Den Zweijahresrhythmus findet er ok.
Dem pflichtet Vera Kremslehner (Kremslehner Hotels) bei, die ebenso wie Lerch großes Interesse aus Spanien ortete und der Partner aus Großbritannien signalisierten, dass dort die Wirtschaft wieder anspringt. Auch Kremslehner konnte einige neue Kontakte verbuchen. Mit dem Streichen des „c“ ist Kremslehner nicht so glücklich, sie fürchtet, dass die Veranstaltung für einige Einkäufer an Attraktivität verliert.
Für Markus Kofler, Geschäftsführer der Region Alpbachtal Seenland, war die actb 2012 „wie immer eine sehr gute Fachmesse, bei der wir unser Angebot gezielt bestehenden Partnern aber auch an neue mögliche Geschäftspartner in einem kompakten Zeitfenster präsentieren konnten.“ Neue Märkte können so erreicht werden, „ohne unser Budget zu sprengen.“ So gab es z.B. „erstaunlicherweise mehrere Kontakte mit chinesischen Teilnehmern – eine gute, erste Möglichkeit, mit dem riesigen Markt in Kontakt zu treten.“ Generell ortete Markus Kofler „endlich immer mehr Ganzjahresanfragen und weniger Konzentration auf Winter.“ Aus seiner Sicht kamen aber die Alpen „wie meistens in den Rahmenveranstaltungen zu kurz.“ Trotzdem gebe es „für die atb als Marktplatz keine Alternative zu Wien.“ Der Zweijahresrhythmus sei auch für den Alpbach-Tourismus tragbar, die künftige „Konzentration auf Österreich ist sicher gut, obwohl wir uns an das ‚c‘ schon gewöhnt haben.“ Ein Vorteil der künftigen atb_sales könne sein, „dass wirklich nur mehr jene Einkäufer kommen, die am Urlaub in Österreich tatsächlich Interesse haben.“
Die atb_experience gab es seiner Meinung nach „schon bisher im Kleinformat als Pre-Touren. Diese waren aber nicht immer sehr gut, da sich die Einkäufer auf das Programm – speziell in den Alpen – nicht immer gut vorbereiten.“ Kofler: „Hoffentlich werden bei den neuen Formaten nicht einfach alte Produkte mit einem neuen Mascherl versehen.“ Entscheidend werde sein, wie gut die Vorbereitung der ÖW und die Zusammenarbeit mit den Regionen ist. „Zu sehr von einem Workshop oder einer Messe dürfen sich aber beide Formate nicht entfernen, da immer noch das persönliche Verkaufsgespräch am Wichtigsten ist.“
Alles in allem wies die letzte actb „in jene Richtung, in die es gehen soll“, so Wiens Tourismusdirektor Norbert Kettner: „Weg vom Jahrmarkt, hin zur Sales-Veranstaltung.“ Der Zukunft (sprich: Weiterentwicklung der Formate) könne man sich nur schrittweise nähern. Das ist auch ÖW-Chefin Petra Stolba klar, die (wie Pressesprecherin Rauch-Keschmann es formulierte) „keinen Platz für Revolutionen“, sondern hohen Bedarf an Weiterentwicklung ortet. Von der Größenordnung werde die atb_sales ähnlich bleiben, bei weiterem Fokus der Qualität vor Quantität: „Wir werden an ein paar Schrauben drehen.“
Für Kettner steht jedenfalls fest: „Die gesamte Wertschöpfungskette befindet sich im Umbruch, niemand kann voraussagen, wohin es geht.“ Bezüglich der atb_sales und der atb_experience müsse man deshalb „ins kalte Wasser springen“. Klar ist für ihn ebenso wie für alle Beteiligten, dass sich auch künftig „alle anderen Formate an diesen beiden Veranstaltungen orientieren werden müssen“ – mit oder ohne „c“.


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