Wenn Firmen aus der Hüfte schießen
Wien verzeichnet heuer ein starkes Kongressjahr, auch für 2012 zeichnet sich ein toller Lauf ab – Firmengeschäft extrem kurzfristig
Die Meldung kam rechtzeitig vor der access: in der Kongressstatistik der Union of International Associations (UIA) für 2010 belegte Wien mit Platz 4 erneut einen Spitzenrang. Wenige Monate zuvor vermeldete die International Congress and Convention Association (ICCA), dass nach ihrer Zählweise Wien im Vorjahr zum sechsten Mal in Folge an 1. Stelle lag. 2011 dürfte sich daran nicht viel ändern, denn der Kongress-Motor in der Donaumetropole läuft unvermindert auf vollen Touren. Bekanntlich sind in Wien die ungeraden Jahre tendenziell immer die besseren. 2012 könnte die Ausnahme dieser Regel werden, denn die Vorausbuchungen sind vielversprechend. Christian Mutschlechner, Chef des Vienna Convention Bureaus, gegenüber T.A.I.: „2012 wird eher ein untypisches gerades Jahr.“
Mutschlechner und sein Team haben von der Branche unbestritten und immer wieder bestätigt einen großen Anteil am nachhaltigen Erfolg der Kongress-Metropole. Auch international bleibt das nicht unbemerkt. Und so wurde Christian Mutschlechner heuer vom Convention Industry Council (CIC) in die „Hall of Leaders“ aufgenommen, quasi in den "Olymp" der internationalen Kongressindustrie. Diese Ehre wurde vor ihm erst zwei Europäern zuteil. Das CIC besteht aus 31 Mitgliedern, allesamt internationale Vereinigungen, die maßgeblich an den Entwicklungen im weltweiten Kongressgeschehen beteiligt sind (von der ICCA über die International Association of Professional Congress Organisers IAPCO bis hin zu Meeting Professionals International MPI und der Professional Convention Management Association PCMA). Die Ehrung erfolgt für das Lebenswerk.
An die große Glocke hängt das im Vienna Convention Bureau niemand (es gab lediglich eine kurze Pressemeldung darüber), denn dort wird eher tief gestapelt und Jubelmeldungen sind Mutschlechner fremd: „Es läuft für Wien heuer nicht schlecht“, lässt er sich entlocken, speziell bei den „Kongressen schaut’s gut aus.“ Generell ist er aber „immer sehr vorsichtig“, was hochtrabende Prognosen betrifft.
Generell gilt das Verbandsgeschäft als stabil, da hier bekanntlich langfristig geplant wird. Für die Bundeshauptstadt ist das ein wichtiger Faktor: die mehr als 300.000 Kongressteilnehmer, die jährlich nach Wien kommen, sorgen für weit über 1 Million Nächtigungen pro Jahr. Die Tagesausgaben liegen bei rund 420 Euro.
Große Unbekannte in der Jahresbilanz für 2011 ist hingegen, obwohl bereits Ende September / Anfang Oktober, das Firmengeschäft. Der Grund dafür liegt in den Unsicherheiten, für welche die – von der Politik mit erschreckendem Unvermögen behandelten – Euro-Krise sorgt. Mutschlechner: „Die Firmen buchen extrem kurzfristig. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes aus der Hüfte geschossen.“ Der eine oder andere Treffer wird da mit Sicherheit für Wien noch drin sein.
Auf die Zählweise kommt’s an
Die Frage, weshalb die beiden internationalen Kongressstatistiken von UIA und ICCA regelmäßig zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, ist einfach erklärt: bei der ICCA werden ausschließlich Veranstaltungen gezählt, welche zwischen mindestens drei Ländern rotieren und die bereits zumindest dreimal abgehalten worden sind (das waren in Wien im Vorjahr 154 internationale Kongresse).
Die UIA zählt hingegen auch einmalige Events und solche, die langfristig an einen fixen Standort gebunden sind (für Wien wurden im Vorjahr 277 Veranstaltungen ausgeweisen). Ein gutes Beispiel für den Unterschied der beiden Zählweisen liefert der European Congress of Radiology (ECR), der alljährlich im Austria Center Vienna stattfindet und mit über 19.000 Teilnehmern zu einer der größten Veranstaltungen im europäischen Kongressgeschäft zählt: für die ICCA-Statistik ist er irrelevant, in der UIA-Berechnung scheint er sehr wohl auf.


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